Im Folgenden ist jener Text nachzulesen, den ein junger Herr, den wir der Einfachheit halber Hans nennen,an vier Untergründen am offenen Mikrofon vorgetragen hatte. Es geht u.a. um Wiederauferstehung, wofür Ernst Kaltenbrunner, der Mann ohne Unterschrift eine Hauptrolle übernimmt.

E i n e u n g e w ö h n l i c h e F r e u n d s c h a f t

Er geht nach draußen in die schneidende Kälte, in den Schnee. Das Feuer in seinem Ofen hat er noch entzündet, bevor er sich aufgemacht hat nach draußen. Er will nicht, dass der Frost Schäden an seinem Heim verursacht. Er tut, was er seit Jahren schon jeden Morgen tat. Nur die letzte Woche hat er nicht viel getan. Er ist es leid geworden. Er ist es leid geworden, jeden Tag nach draußen zu gehen und sie alle zu begraben. Und immer und immer wieder das gleiche. Den größten Teil seiner Zeit und seiner Kraft verwandte er darauf nicht zu erfrieren, jeden Tag aufs Neue. Den Rest von Kraft und Zeit widmete er dem Begraben von Toten. Viele hatten prophezeit, es werde dann niemanden geben, der "die Milliarden von Toten begräbt", doch es gab ihn ja. Da er schon so lange am Begraben ist, hat er vor einem Monat angefangen immer stärker den Sinn seiner Handlung zu bezweifeln. Was nützt es ihnen? Und so hat er einfach mal eine Woche Pause gemacht. "Eine Woche für mich." Doch er hat es dann nicht ertragen. Das ewige Begraben erträgt er ja eigentlich auch nicht, aber da weiß er dann wenigstens, woran er ist. Und dieses Nichtstun ist schon schlimm. Also packt er sich wieder dick ein, wie ach so jeden Morgen, und schleppt sich zu jenem Berg von Toten, den er schon seit so langer Zeit abträgt. Zunächst muss er eine Leiche vom Haufen trennen. Das ist meist einer der schwierigsten Teile, denn sie sind bisweilen arg verkeilt. Es ist ein Segen, dass sie ob des Dauerfrostes nicht faulen und verwesen, doch sie sind so stocksteif und hart, dass es die Arbeit sehr schwer macht. Hat er es nun einmal geschafft, eine Leiche vom Berg zu trennen (am besten unversehrt, doch das geschieht nur sehr selten), dann muss er ein Grab ausheben. Diese Arbeit dauert am längsten und sie ist körperlich sehr schwer, doch sie ist so gleichförmig und daher Trott des Alltags, er bekommt schon gar nicht mehr mit, was er da tut. Und er steht dann den ganzen Tag da und schwingt seine Spitzhacke und atmet. Bis dann irgendwann die Dämmerung kommt. Es wird dann langsam etwas gelblich und rötlich am Horizont und das ganze riesige Gewölbe über ihm wird heller. Es schimmert dann bläulich. Und irgendwann kommt dann die Sonne, sie kriecht ein wenig über den Horizont, rot und . Und dann wird es hell genug, dass er seine beschienenen Atemwölkchen betrachten kann und wenn das passiert, dann macht er Pause. Er setzt sich hin und nimmt seine Thermoskanne hervor und macht so lange Pause, bis die Sonne wieder weg ist, das ist dann meistens fast eine Stunde später. Dann ergreift er wieder seine Spitzhacke und seinen Spaten und schaufelt ein gutes Grab in den gefrorenen Boden. Gerade, eckige Wände und das Grab etwas länger als die Leiche lang ist und etwas breiter, als die Leiche breit ist. Und immer genau zwei Fuß Abstand zum nächsten Grab. Die herausgeschaufelte Erde legt er stets an das Kopfende. Dann nimmt er die Leiche, die er stets rechts neben das Grab gelegt hat, und legt oder wirft sie hinein. Mit dem Gesicht zum düsteren, diesigen Himmel. Immer ist es diesig. Normalerweise war der Winter die klarste Jahreszeit, doch dieser ewige Winter ist ewig diesig. In die niedrige Sonne kann man, wenn einem danach ist, die ganze Zeit, die sie sich zeigt über direkt hineinstarren. Danach schaufelt er das Grab zu. Das ist immer der beste Part der Arbeit, das geht gut. Dann wird der Hügel darauf schön symmetrisch mit der Schaufel festgeklopft. Diese Hügel bleiben ewig, denn die Leichen verwesen nie. In diesem Permafrostboden ist nichts am Leben. Dann geht er los, zu seinem Heim. Dort hat er nämlich eine beachtliche Sammlung von Eiszapfen draußen liegen und in jeden Grabhügel steckt er einen als Grabschmuck. Das ist die Arbeit eines Grabes. Und ist des Tages Arbeit geschafft, so geht er heim und zieht sich aus und heizt und wärmt die müden Knochen. Dann macht er sich einen Tee und isst etwas von seinem ungesunden Dosenfraß und ließt noch ein paar Seiten (Tolstoi oder Dostojewski - davon hat er lange was) und dann fällt er, dick eingewickelt, in einen todesähnlichen Schlaf.

Gestern hat er wieder gut gearbeitet, drei Gräber, drei Leichen, er war sehr, sehr fleißig. Und das ist auch bitter nötig nach ebenjenen Wochen des Faulenzens. Dabei hat er sich so lange schon darauf gefreut, einfach mal absolut nichts zu tun den ganzen Tag lang. Immer nur arbeiten und keine Freizeit machen einen ja auch stumpf. Doch dies ... Das ist die Hölle. Jetzt geht er wieder heraus um wieder zu arbeiten. Seht doch! Er macht sich wieder an den großen Berg. Heute ist die Stelle des Berges, an der er zur Zeit arbeitet so ausgehöhlt, dass er sich den Luxus erlaubt, von ganz oben zu nehmen. Da liegt eine Leiche erstaunlich ruhig auf dem Rücken. Sie, oder besser "Er", trägt einen schwarzen Zweireiher. Sein Gesicht, nachdem vom trockenen Schnee befreit, wirkt sehr schwach und schmal, wie der maximale Grad der Erschöpfung. Die meisten anderen Leichen haben das Gesicht eher angespannt. Die Lippen aufeinander gepresst, so als wollten sie sagen: "Hmpf. Na, dis is ja jetz´ blöde, ne?". Oder: "Mist.". Dieser hier wirkt einfach nur schlapp. Schlappe, schwarze Haare und ein ausgemergeltes Gesicht, das im Tod so unendlich schwach scheint; leicht wie Frostluft. Nichts dran. Aber dadurch eben irgendwie ruhiger. Und diese Narben im Gesicht. Ja genau, diese Narben. Jetzt erkennt er ihn. Wer da seit Jahren auf diesem Berg gefrorener Leichen liegt, ist Dr. Ernst Kaltenbrunner. SS-Obergruppenführer und General der deutschen Polizei; Chef des RSHA. Major Nazi. Tatsächlich, na so was. Das ist dann doch zu interessant, den will er sich mitnehmen und sich mit ihm unterhalten. "Doktor Kaltenbrunner, was fühlen sie." Wenn schon nicht berühmt, dann doch berüchtigt. Er freut sich ein wenig, jetzt bald so einen großen Verbrecher in seinem Wohnzimmer haben zu können. Denn jetzt ist ja irgendwie er am Drücker. Er ist sein Totengräber. Also geht er erst mal in seine Stube und packt Kaltenbrunner da auf den Stuhl am Tisch und geht dann gleich weiter um richtig zu heizen und sich auszuziehen. Was soll er denn nun fragen? Soll er seine Moral erforschen. Fühlen sie sich gar nicht schuldig? Ist ja irgendwie auch albern. Er setzt sich also zu Kaltenbrunner an den Tisch und fragt: "Wie geht es ihnen?" Dieser reibt sich den Hals und sagt: "Ich habe Halsschmerzen." Na klar, der erste Lacher. Er muss kurz prusten und simuliert danach einen Hustenanfall um das zu überspielen. Jetzt sieht er auch die Striemen am Hals. Es entsteht ein peinliches Schweigen. "Wo bin ich? Was ist? Wer sind sie?" Er erklärt kurz. Alle sind tot, ich begrabe die Toten. Kaltenbrunner scheint sehr verwirrt. Doch er hat einen guten Gastgeber. Er wird gefüttert und gebettet und schläft. Es erwachte der nächste Morgen unbemerkt. Kaltenbrunner erwacht und erblickt seinen Gastgeber. Erst jetzt fragt er nach seinem Namen. "Edgar Müller." "Nun, Herr Müller, wo sind wir hier?" "Am Rande einer großen Stadt." "Am Rande welcher Stadt." "Sagich nicht. Nennen wir sie die `Stadt der Türme`." "?" "Das Leben dieser Stadt verlagerte sich im Laufe der Jahre immer weiter nach oben, wissen sie? Irgendwann lebten die Menschen nur noch in Türmen, auf den Brücken dazwischen und auf den höchsten Dächern. Was darunter lag, wussten sie nicht einmal. Einige hielten es für bewohnt von Armen, einige für Bewohnt von Tieren, andere für verlassen. Fakt ist: Niemand traute sich nach unten. ... Ach, sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich mir das alles selbst erzählt habe. Ich habe mir vorgestellt, dass hier jemand herkommt, für den alles neu ist und dann habe ich es ihm im Geiste erzählt, sowie ich es gerade ihnen erzählt habe. Sie können sich nicht vorstellen, wie gut es ist, das jetzt zu erzählen. Es ist, als fließe etwas heraus, was sich lange angestaut hat. Wie Pickelausdrücken..." "Und wo sind wir?" "Außerhalb." "Außerhalb der Stadt." "Ja, wir sind auf dem Boden. Ich bin herabgestiegen." "Dann waren sie unten?" "Nein, man kann außen lang." "Waren sie denn hinterher unten?" "Nein, nie. So ganz alleine, das fand ich einfach gruselig." "Du - ich darf doch dich doch dir deshalb `Du` zu dir sagen?" "Na aber!" "Du findest es weniger gruselig am Rande dieser Stadt in Freien zu hocken und einen Millionenhaufen von Toten abzutragen?" "Ja." "Aber wir müssen in die Stadt!" "Wieso?" "Na, findest du das nicht unheimlich spannend?" "Ja, doch." "Auf!" Und das machen sie sich dann auch. Wie zwei kleine Kinder stapfen sie durch den Schnee. Hellgrüne, dicke Ganzkörperanzüge und Bommelmützen. Rote, gestrickte Handschuhe aus Wolle greifen nacheinander. Hand in Hand in Richtung Stadt. Rote Bäckchen. "Wollen wir was singen?" Doch sie kennen kein Lied. Doktor Kaltenbrunner stolpert und plumpst zu Boden, er beginnt zu weinen. Doch Edgar rappelt sich schneller auf als er, er tröstet ihn ein wenig. Besser isses, denn wenn die Tränen auf dem Gesicht gefrieren ist das Scheiße. Die komplette tote Stadt scheint aus roten Klinkern und Stahl erbaut zu sein. Und hier unten ist es so unendlich grau. Der seit Jahren durch jenen schneidenden Wind gepeitschte Schnee lagert sich unten an den Wänden an und rundet die Ecken ab. Doktor Kaltenbrunner schnieft und wendet sich zu Edgar: "Wovor sollen wir uns fürchten? Es sind doch alle tot?" "Alles hinterlässt seine Spuren." Die Stadt ist riesig, so breit und zehnmal so hoch. Nur die untere Stadt ist zu sehen, die Türme und Dächer liegen im Dunkel. "Du, ich hab ´n Bisschen Angst." "Ich auch ´n Bisschen." "Du wolltest hier her." "Ja, will ich auch immer noch." " ." "Dann lass uns doch mal irgendwo reingehen." Sie gucken sich dann ein vergleichsweise überschaubares Gebäude aus; eine große Halle. Sie wollen eigentlich in die Halle gehen, doch als sie durch eine Tür gehen, merken sie, dass sie wohl im Verwaltungstrakt dieser ehemaligen Fabrik sind. Nur Gänge und Räume. Und alles leer und kaltes, graues Licht dringt zäh ein. Normalerweise war der Winter die klarste Jahreszeit, doch dieser ewige Winter war ewig diesig. Obwohl nicht dem direkten Wind ausgesetzt war doch viel Schnee eingedrungen. Ein Häufchen unter jedem Fenster und von da aus breitet es sich im Raum. Wie ein Lichtschein, als schiene die Sonne. Aber auch sonst überall im Haus. Früher war es Stab, jetzt ist es Schnee. Nebelfeiner Schnee. Fast als habe man die einzelnen Flocken tausendfach zerrieben. Sie tapsen einen langen Flur im dritten Stock entlang. Links liegen viele kleine Räume, wahrscheinlich saßen hier die Angestellten. Die Räume sind alle leer und haben auch keine Türen mehr. Rechts ist eine Wand, dahinter die riesige Fabrikhalle. Das ganze Haus ist, wie ja bereits gesagt, riesengroß, doch wirklich komisch sind die Proportionen im Detail. Alles ist um einen Tick zu groß und ganz klein tapsen unsere Zwei Hand in Hand hier durch. Die Türrahmen sind doch doppelt sie hoch wie die Beiden von Fuß bis Scheitel und das auch, wenn man die riesigen Mützen mitzählt, unter denen sie fast verschwinden. Einmal gehen sie in ein Zimmer und sie können nicht so recht aus dem Fenster sehen, da es so hoch ist. Sie müssen sich am Fensterbrett hochziehen. Sie sehen, dass der Flur doch irgendwann zu ende ist, doch sie können das Ende nicht so recht erkennen. Je näher sie kommen, desto mehr fürchten sie sich, denn es sieht aus, als stünde dort jemand. So kommen näher und stellen fest: Es steht dort jemand. Dunkel und schwarz. Zunächst bleiben sie stehen und sind ganz starr und trauen sich nicht weiter. Doch da sich die Gestalt nicht bewegt, kommen sie dann doch näher. Sie steht ganz am Ende und stocksteif da. Die Gestalt ist ganz schwarz. Sie nähern sich und betrachten sie. Ganz schwarz, ganz steif. Doktor Kaltenbrunner wagt sich vor streckt den Zeigefinger aus. Er berührt die Gestalt und auf Brüsthöhe bricht sie entzwei, der obere Teil stürzt sehr langsam hinab und wird teilweise zu Staub. Sie sehen sich den Rest an und stellen fest, dass diese Person aus verbranntem Papier besteht. In Ringen angeordnet wie die Jahresringe im Baum. Innen klein und wird immer größer.* Es gibt nichts, was so filigran ist, wie verbranntes Papier. Diese Figur steht nur, weil es eben so viele Schichten sind. "Wir ham sie kaputt gemacht." Ja, Doktor Kaltenbrunner, das habt ihr. Sie machen sich dann doch davon, den gleichen Weg zurück. Edgar Müller ist jetzt auch ein Verbrecher, das fühlt er so. Fast wie geadelt; die Freiheit böse zu sein. Ach, schön wär´s. Nein, er ist auch davor nicht unschuldig gewesen. Doch noch muss er warten. Noch. "Edgar?" "Was?" "Wie lange buddelst du jetzt schon?" "Leichen? 8 Jahre." Sie gehen wieder nach draußen und jetzt nach nebenan in die riesige Halle. Wie ein Himmel wölbt sich die Decke der Halle in unerreichbarer Ferne über sie und ist von Stahlträgern verhangen wie von Flugzeugen. Leer ist die Halle zum größten Teil. Hier und da ein Häufchen Schutt. Tritt man näher, dann sieht man, dass diese Häufchen dann doch größer sind, als man denkt. Ihre Koteletts werden auch immer kleiner. Die Halle ist so groß, dass bis zur Mitte kein einziges Schneekörnchen vorgedrungen ist. Als die Beiden fast da sind, hören sie etwas; da kommt jemand. Sie verstecken sich hinter einem Schuttberg und fassen sich wieder an den Händen. Sie haben Angst. Da kommt eine Art Mensch an. Er sieht sehr kaputt aus. Ganz schmal und schwarz, an einigen Stellen hat er kaum noch etwas über den Knochen und Haut und Fleisch hängen in Fetzen herab. Vor allem der Brustkorb liegt beinahe frei. Alles ist ganz trocken, wie verbrannt und dann eingefroren. Als Kopf hat er einen riesigen Wolfskopf. Er scheint verletzt oder so. Er hält sich gekrümmt den Bauch und schleppt sich bis in die Mitte der Halle. Sehr schlapp, seeeeeeehhr schlapp. Er ist in der Mitte und will sich theatralisch fallen lassen. Dann will er ein wenig jammern. Es geht ihm nicht so gut, er ist ein wenig schlapp, hat viel durchgemacht; jetzt muss er sich erstmal beschweren. Er könnte sich schon noch kontrolliert hinsetzen, doch er möchte ja auch zeigen, dass er so alle ist. Also lässt er sich nach hinten auf den Rücken fallen. Dort ragt ein großer Stachel aus der Erde und dieser durchbohrt ihm den Brustkorb. Da er so trocken ist, fällt er ein wenig auseinander. Der rechte Rippenbogen bleibt an Ort und Stelle, der linke kullert ein wenig davon. Es sieht aus, als sei das mit dem Stachel Absicht, doch der davonkullernde linke Rippenbogen verrät anderes. So ähnlich sein Wolfsgesicht: Kurz ist er über den Stachel erschrocken, dann will er so tun, als sei es Absicht gewesen, als jedoch der linke Rippenbogen davonkullert, kommt er sich ziemlich blöde vor. Und so wird seine Klage ernsthafter und ehrlicher, als das eigentlich gedacht war. Es beginnt in vergleichsweise ruhigem Jammerton, doch es wird zu einem verzweifelten Wortschwall. Er greift sich immer wieder Sätze, die er sehr oft wiederholt. "Was ist mit mir geschehen? Was ist mit mir geschehen? Was ist mit mir geschehen?! Was ist mit mir geschehen?! Was ist mit mir geschehen?!!" Er versucht, nach seinem Brustkorb zu greifen, doch festgenagelt wie er ist, kommt er nicht ran. Erst jetzt so langsam wird er sich seiner verzweifelten und hilflosen Situation bewusst. "Ich komm an meinen linken Brustkorb nich ran!" Diesen Satz hat jetzt. Immer und immer wieder, bis er ihn am Ende laut brüllt. Die zwei lugten bis eben noch scheu über den Schutt, jetzt tapsen sie davon. Noch einmal bleiben sie stehen und sehen sich um, denn jetzt ruft er immer wieder: "SEHT MICH AN! SEHT MICH AN! SEHT MICH AN!". Sie fühlen sich ertappt und sehen ihn an. Doch er meint nicht explizit sie, er jammert einfach laut herum, so wie die ganz Zeit schon vorher. "Los, komm, wir gehen nach Hause!" Sie gehen nach hause und legen sich ins Bett. Er hat nur ein Bett und das ist recht schmal, doch das ist wahrscheinlich auch besser so; es ist doch sonst arg kalt des Nachts. Beide sind schon sehr müde. Als sie sich einmal regen, fällt ein wenig Licht von der verglimmenden Glut auf das Gesicht des Doktor Kaltenbrunner. Wie es aussieht, hat er das Gesicht etwas angespannt und die Lippen aufeinander gepresst, so als wolle er sagen: "Hmpf. Na dis is ja jetz blöde, ne?". Oder: "Mist." Nicht nur der Gesichtsausdruck. Auch die Narben. Auf der rechten Seite sind zwei Falten, die wohl mal Narben gewesen sind. Überhaupt hat er mehr als nur einen Schmiss im Gesicht. "Edgar.", sagt er. "Hm?." "Wie lange arbeitest du jetzt schon an den Leichen?" "Habich doch schon gesagt: 8 Jahre." "Warum so lange? Worauf wartest du denn? Es passiert doch sowieso nichts." "na ja, ich kann doch nicht einfach sterben." "Hm. Du?" "Ja?" "Gute Nacht." "Ja, gute Nacht." Müller hat Quatsch erzählt. Natürlich kann er einfach sterben. Er wartet. Doktor Kaltenbrunner ist schon wach. Müller: "Hast du schon Frühstück gemacht?" Doktor Kaltenbrunner: "(lacht ehrlich über den Witz)Ha Ha! Du bist ja witzig! Aber da sind wir ja beim Thema: Heute musst du´s machen!" Müller: "Was?". Doktor Kaltenbrunner: "Du weißt es, du hast immer wieder dran gedacht, ich weiß es. Du hast dich nur nie getraut aus unbegründeten Moralvorstellungen. Sie können es nicht brauchen. Trau dich! Komm, sieh her, ich mach mit!" Doktor Kaltenbrunner hat natürlich recht. Mindestens genauso recht, wie Müller wieder Hunger hat. Er isst nicht viel. Sie gehen nach draußen in die schneidende Kälte, in den Schnee. Zusammen gehen sie raus und zerren eine Leiche aus dem Berg und schleifen sie in die Hütte. Da legen sie sie an den Kamin und heizen. Morgen ist sie aufgetaut. "Oh Gott, Ernst! Wir hätten eine andere nehmen sollen! Die ist ja schon angewest! Wie das stinkt!" Er will noch wissen, ob Doktor Kaltenbrunner diesen Geruch schon kennt, doch er weiß wieder nicht, wie er´s sagen soll. Doktor Kaltenbrunner nimmt den Hals des etwas matschigen toten Mannes in seine Armbeuge und will den ersten Schnitt machen, doch Müller will. Er setzt am Haaransatz über der Stirn an und versucht unbeholfen, ohne Technik, doch mit viel Kraft, zu skalpieren. Das gelingt ihm nicht so recht und er beginnt, das Fleisch über dem Schädel abzuschaben und abzuschneiden. Die ersten Stücke samt Kopfhaut sind noch recht groß, die reicht er Doktor Kaltenbrunner für die Pfanne. Dann schabt er immer kleinere Streifen ab. Eine Handvoll reicht er dann wieder Doktor Kaltenbrunner für die Pfanne, doch der sagt nur: "Das Öl ist noch nicht heiß." Müller nur: "Ach, lass." Er steckt sich die Handvoll in den Mund und versucht, das Zeug so zu zerkauen. "Mann, Ernst. An dem hamwa lange zu knabbern." "Ach Quatsch. Du, Edgar, überleg doch mal: Wir leben im Überfluss. Es reicht, wenn wir die interessanten Dinge essen, dann packen wir ihn wieder raus. Wir können uns ja jederzeit eine neue nehmen." "Da hast du ja vollkommen recht, so weit denke ich ja meistens nicht. Binnes gewohnt, zu sparen und zu nutzen." Er ist jetzt am Schädelknochen angelangt und will ans Gehirn. Er hackt mit der Spitze einfach rein und natürlich bricht die Klinge. Mit dem Rest hackt er weiter und wird ganz wild darüber. Mehrmals kommt er durch den Schädel, doch mehr wird dann immer nicht daraus. Schließlich beginnt er zu hebeln und hackt zwischendurch weiter. Ja, er tobt ein klein wenig. Doktor Kaltenbrunner hat das natürlich längst bemerkt, er ist gerade mit den Worten "Oh, das Gehirn!" herbeigeeilt. Müller überlegt, noch weiter zu gehen, doch er will die Beherrschung nicht verlieren. Er sammelt sich ein wenig und handelt jetzt etwas besonnener doch immer noch sehr kräftig. Endlich hat er es geschafft, sich seine Fontanelle zu machen, doch das Gehirn dahinter ist eigentlich eher so eine Art Brei durch das viele Hacken. Müller: "Mann, das mit dem Gehirn kommt bestimmt gut, da bin ich ja morgen noch satt von!" Doktor Kaltenbrunner: "Ich krieg die Augen." Müller: "Ja, is gut. Ich würd´ sagen, dann noch den Hals und die Eier und dann raus damit. Und nächstes mal ´ne Frau, ich hab Bock auf Titten." Sie essen und Doktor Kaltenbrunner sagt "Ich kannte auch mal einen `Müller`." Müller: "Schmeckt´s?" Doktor Kaltenbrunner: "Er braucht´s ja nicht mehr." Müller: "Ob´s dir schmeckt!" Doktor Kaltenbrunner: "Na ja, hast du ja gesagt: Die ist schon ein bisschen angewest. Aber das ist ja nur sein Körper." Müller: "Ja, was `nur`? Der Körper ist doch die Quelle allen Schmerzes." Doktor Kaltenbrunner: "Ach, na sag doch so was nich! Man kann Menschen noch auf so viele andere Arten Schmerzen zufügen, die sind dann viel schlimmer als die körperlichen." Müller: "Aber auch die sind letztendlich wieder auf körperliche Schmerzen zurückzuführen." Doktor Kaltenbrunner: "Nein, das stimmt nicht. Körperliche Schmerzen sind auf einer ganz anderen Ebene, bei weitem nicht so schlimm." Müller denkt: Weißt du, ob du das weißt? Sie gehen vor die Tür und schmeißen den Rest der Leiche dahin. Das stinkt so fürchterlich, doch das ist hier draußen nicht so wichtig. Als sie vor die Tür treten, hat gerade die kurze Stunde der Dämmerung begonnen und es ist vergleichsweise hell und rot.

Sie leben monatelang gemeinsam und spielen im Schnee. Doktor Kaltenbrunner schmeißt Müller Schnee ins Gesicht und fragt: "Warum hast du das so lange gemacht?" Frag nicht, ich habe gewartet. Frag nicht, dann frage ich dich nichts. Eines Morgens ist Doktor Kaltenbrunner schon wach. Er kommt zu Müller ans Bett und legt ihm sanft die Hand auf die Schulten, dass er aufwachen möge. Müller atmet ein und verzieht das Gesicht, doch die Augen kann und will er noch nicht öffnen. Dann spürt er, wie die Hand des Doktor Kaltenbrunner sanft nach der seinen greift. Müller spürt kurz Doktor Kaltenbrunners unrasiertes Kinn an seiner Schläfe und dann hört er ihn sagen: "Du bist mein Freund, Edgar." Müller setzt sich leicht auf. Es ist dunkel, doch er will Doktor Kaltenbrunner in die Augen schauen. Er kann sie kaum erkennen und SS-Obergruppenführer Kaltenbrunner sagt: "Du wolltest nie über mich urteilen." Nie hatte Müller das Bedürfnis über ihn zu urteilen, er wollte immer nur über sich urteilen. "Du, Edgar, ich muss gehen." Der Obergruppenführer trägt alte, schwarze Lederstiefel und über seinem dicken, dicken, grünen Schneeanzug einen speckigen, dreckigen, sehr alten grauen Ledermantel, er reicht ihm bis zu den Knien, wo die Stiefelschäfte aufhören. An den Händen sind seine roten Wollhandschuhe und auf dem Kopf trägt er eine lächerlich große, weiße Pelzmütze. Doktor Kaltenbrunner schüttelt lächelnd den Kopf und flüstert freundschaftlich und voller Wärme: "Worauf du so lange gewartet hast..." Das ist nicht wirklich eine Frage. Und er dreht sich um und geht durch die Tür nach draußen. "Wahrscheinlich ruft das Reich der Toten ihn zurück." Edgar steht zehn Minuten später auf. Doktor Kaltenbrunner ist zu früh gegangen, Edgar hatte ihm noch etwas schenken wollen. Er hat ihm eigens einen Drachen gebastelt. Der Drache ist schon fertig, doch er wollte noch ein Gedicht draufschreiben. Das Gedicht ist von Willy Peter Reese und es reimt sich nicht. Willy Peter Reese war Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg und hat darüber ein Buch geschrieben. Das hat Müller kaum durchbekommen; offensichtlich hat sich Willy Peter Reese gehörig an der Poesie verschluckt, bevor er die Prosa verhunzt hat. Müller kennt nur das eine Gedicht von ihm und das find´t er toll. Außen ist der Drache ganz bunt, in der Mitte aber weiß wie Unschuld, Tot und der Schnee, da wollte er dann hinschreiben:

"Wir sind der Krieg. Weil wir Soldaten sind. Ich habe alle Städte verbrannt Alle Frauen gewürgt Alle Kinder geschlagen Allen Raub genommen vom Land. Ich habe Millionen Feinde erschossen, alle Felder vernichtet, die Dome zerstört, die Seelen der Menschen verheert, aller Mütter Blut und Tränen vergossen.

Ich habe es getan. -Ich tat Nichts. Aber ich war Soldat."

Müller beginnt wieder, Leichen zu verbuddeln, diesmal nimmt er sich zunächst des Haufens neben seiner Haustür an. Manchmal sieht er, wenn er schläft, vollkommen tonlos das Gesicht des Doktor Kaltenbrunner vor sich. Vernarbt und verzerrt, weil er ja immer so komisch die Lippen aufeinander gepresst hat. Er tat das so chronisch, dass Müller lange Zeit dachte, er drücke nicht die Lippen aufeinander, sondern das sei halt nur sein Gesicht. Schließlich spielen ja da auch die zwei Falten über dem linken Mundwinkel hinein, die früher mal Narben waren. Doch dann erinnerte er sich, Kaltenbrunner als Leiche gesehen zu haben. Da war das nicht so, dabei hat er die Narben doch mitgenommen. Und wenn er im Traum das Gesicht sieht, dann sieht er es nicht, als sehe er sich ein Photo an, sondern als sehe er sich Kaltenbrunner selbst an. Wie früher. Doch er hat nicht das Bedürfnis zu reden. Alles, was er von Kaltenbrunner jetzt noch wissen will, hat mit Schuld zu tun. Mit Müllers Schuld, aber auch und vor allem mit Kaltenbrunners großer Schuld. Und Kaltenbrunner ist nicht wie Müller, der 8 Jahre bei Schwerstarbeit und tödlicher Kälte darauf wartet, dass über ihn gerichtet wird. Kaltenbrunner ist nicht so. Man weiß manchmal gar nicht, ob er um sein Leben lügt, oder um etwas anderes. Doch Müller will gerichtet werden. Er denkt nicht darüber nach, wie das geschehen soll, wo doch alle tot sind, wer denn über ihn richten soll. Er wartet nur einfach darauf, dass es geschieht.

Vor ein paar Tagen war es vergleichsweise warm obwohl dabei natürlich immer noch saukalt. Da es den Tag darauf noch wärmer war, war es schon wärmer als normal. Noch ein Tag und wieder war es etwas wärmer. Jetzt kommt es Müller fast schon warm vor, obgleich es noch immer weit unter null ist. Fast traut er sich zu hoffen, dass es von nun an wärmer wird oder zumindest so bleibt, doch dem ist dann natürlich wieder nicht so. Es wird bald wieder so kalt, wie es zuvor war. Doch das ist auch gut, denkt sich Müller, sonst wäre seine Arbeit nämlich vollkommen unmöglich. Wenn alles schmölze, begännen auch die Leichen zu verwesen, da käme er dann nie hinterher und das wäre auch irgendwann echt eklig.

Er ist gerade erst vor die Tür gegangen, da hört er Geräusche. In der Ferne so eine Art Rauschen. Dann erblickt er Licht etwas weiter weg. Wie es aussieht, nähert sich ein Auto. Es fährt in seine Richtung, bis es letztlich fast bei ihm angekommen ist. Ungefähr zehn Meter vor ihm kommt es knirschend zum stehen. Die Scheinwerfer sind ungeheuer hell und er kann kaum etwas erkennen. Der Schnee vor seiner Hütte ist von ihm im Laufe der Zeit ganz platt getreten worden. Das Auto lässt seinen Motor noch immer laufen, regt sich nicht und leuchtet Müller an. Der hält sich, im sich vor dem Licht und dem, Gefühl der Hilflosigkeit zu schützen, den rechten Arm vors Gesicht. Bald gewöhnt er sich ein wenig und versucht geradeaus zu blicken. Er kann jetzt sehen, wie dürrer Schnee im Scheine des Autos erscheint und zur Erde rieselt. Lange Zeit geschieht gar nichts und natürlich kommt gerade Müller diese Zeit sehr lange vor. Schließlich öffnet sich die rechte, vordere Tür und es entsteigen ihr zunächst Dampfschwaden. Dann erhebt sich ein ungeheuer dicker Mann und stellt sich erst einmal einfach nur hin, ohne Müller Beachtung zu schenken. Es scheint fast, als habe er das Auto mit seiner Körperkraft angetrieben, doch der Motor läuft noch um nicht einzufrieren und das Gegenteil zu beweisen. Wahrscheinlich war es anstrengend genug, dieses verdammte Körpergewicht zu hieven und zu stemmen. So stand er nun da, korrigierte die Haltung seiner Wirbelsäule mit seinen Händen und atmete pfeifend. Dann schüttelte er schnaufend den Kopf, spuckte pfeilschnell aus und machte sich auf. Er ging in die grobe Richtung Müller, doch er sah ihn immer noch nicht an, er schien genug mit sich beschäftigt. Schließlich war er vor Müller angelangt, der gegen sein wurmisches Wesen anzukämpfen hatte um aufrecht zu stehen, doch das war wahrscheinlich auch unnötig, denn der Herr sah ihn immer noch nicht so recht an, er schniefte nur pfeifend. Er trug einen glänzenden Anzug und einen langen, blauen Filzmantel, der seinen Träger mit seiner eigentlich schmalen Eleganz zum Besten hielt. Obgleich die fette Sau sich maßgeblich aufs Atmen konzentriert, versucht sie dann doch zu sprechen, Müller dabei anzusehen geht jedoch über ihre Kräfte. "Herr Edgar Müller (Pause zum Atmen), sie sind verhaftet. (schnauf) Kommen sie bitte mit mir mit." Er macht sich jetzt also auf zum Auto und der arme Edgar steht erstmal nur so da. Klar hat er darauf gewartet, aber er kann jetzt natürlich nicht einfach so mitkommen. Weggehen von seinem Zuhause für acht Jahre. Dann dreht er sich um und schaut sich sein Heim an. Der Ekel überkommt ihn und er muss kurz würgen. "Zuhause?!", sagt er. Er will nur abschätzig klingen, doch seine Stimme spricht Hass und Ekel und er spuckt sehr umfangreich aus. Es sieht sehr, sehr hässlich aus, das kleine dumme Ding von Haus. Und überhaupt, wozu der ganz Stacheldraht, das hat doch nun wirklich keinen Sinn. Schwungvoll dreht Müller sich um und stolziert beleidigt und mit erhobener Nase davon. Der Dicke ist noch lange nicht am Auto angelangt, die Schwerstarbeit, seine fetten Beine vorwärts zu bewegen bringt ihn ja fast um. Er setzt, als er dann endlich da ist, wieder nach vorne rechts, neben den Fahrer und schließt die Tür. Nach kurzer Unentschlossenheit setzt sich Müller hinter ihn auf die Rückbank, wo er ganz alleine ist. Der Fahrer vorne trägt auch einen teuren Anzug und einen beschissen aussehenden Mittelscheitel. Seine grauen Haare wölben sich von beiden Seiten über die Stirn und im Nacken, der Anzug ist auf den Schultern von Schuppen übersät und der Fahrer trägt eine Brille mit schmalen, goldenen Rahmen. Der Fette packt eine Büchse Bier und eine Bockwurst mit Senf auf einem Pappteller aus und beginnt, sich zu verköstigen. Dabei wird sein Schnaufen immer lauter, da er ja zwischendurch immer wieder den Mund voll hat und durch die Nase offensichtlich nicht zu atmen bereit ist. Das Auto fährt los und durch die Gegend. Gut, dass es jetzt gekommen ist, denkt Müller. Alles nur für ihn. Die ganze Welt dreht sich nur noch um ihn. Er ist die Ursache aller weiteren Existenz. Die Apokalypse ist schon gewesen und sie hat alle verurteilt; allen zugefügt, was sie verdienen, im Guten wie im Schlechten. Sie alle hatten ihr Leben kohärent bis zu diesem Punkt gelebt, um endlich gerichtet zu werden. Denn jeder muss gerichtet werden, deshalb war es bis dahin gegangen, damit alle verurteilt werden konnten. Die Apokalypse war das Weltgericht. Nur der kleine, schäbige Edgar Müller war zu feige gewesen, nur er hatte sich entzogen und war weitergegangen. Doch auch er hatte Verbrechen begangen, so wie ausnahmslos jeder Mensch und auch er muss gerichtet werden. Und deshalb, so ist er sich heute sicher, das sind alles seine Gedanken, ist alles eingefroren. Die Welt wurde so lange angehalten, bis auch er gerichtet ist. Dessen ist er sich sicher. Alles wartet auf ihn. Der Apokalypse hatte man das Ende aufgeschoben, nur wegen seiner Feigheit. Müller hat sich nie überlegt, wie dieses Gericht aussehen sollte, wo doch alle tot und fort waren. Vielleicht so eine Art Gericht im Kopf, alles Einbildung, er trifft wie eine Art Geist seine Vergangenheit und muss Rechenschaft abgeben. Oder so was. Mystisches. Es interessiert ihn auch vorläufig nicht, was mit der Erde nach der endgültigen Apokalypse geschieht, er spürt nur, wie Milliarden von Menschen, alle Tiere und Pflanzen und Pilze und die ganze Welt auf ihn wartet. Was für eine Last. Und er hat lange gebraucht, um das alles herauszufinden. Warum wurde er "verschont" ? Lange brauchte er; sagen wir mal, sieben Jahre. Das, was jetzt ist, muss dann wohl das Gericht sein, anders als er es sich vorgestellt hat, doch na ja. Währenddessen ständig das unerträgliche Geschnaufe des Dicken. Als Müller nach vorne sieht, bemerkt er, dass er gar nicht mehr isst. Er sitzt einfach etwas bebeugt da und schnauft immer schlimmer. Bald hat man das Gefühl, er erstickt, doch bald ist man auch da. Erst fuhr man über freies Feld, dann sah man immer Schutt und Trümmer, schließlich einsame Wände und Mauern und dann Ruinen. Sie fahren noch weiter, dann stehen da noch ganze Häuser. Die Stadt ist, was die Höhe betrifft viel kleiner als die Stadt der Türme. Sie halten und der Fahrer steigt aus, geht um das Auto hinten herum und öffnet Müllers Tür, wobei er ihm auszusteigen bedeutet. Müller macht sich raus und steht ratlos da und der Fahrer geht zur Vordertür, wo sein Atze hinter hockt und röchelt, öffnet diese und beugt sich zu ihm um ihn zu trösten oder ihm zu helfen. Er dreht sich kurz zu Müller und sagt (was überrascht, da er bis hierhin ruhig und teilnahmslos wirkte) angepisst und mit zugleich wütender und richtungsweisender Geste: "Ja - da lang!" Vor Müller befindet sich eine alte Fabrik aus schmutzigen, gelben Ziegeln mit dazugehörigem, riesigem Turm. Zwischen zwei langgezogenen Gebäuden ist ein großes Tor und durch das schreitet Müller; hinter sich hört er noch "Du Arsch." Und er hat ehrlich keine Ahnung, wer das zu wem gesagt hat. Klang nicht wirklich wie für ihn bestimmt, aber er wüsste nicht, wer sonst gemeint sein sollte. Immerhin hat er Alle 8 Jahre lang warten lassen. Kaum hat er das Tor durchschritten, kommt ein großer Hund aus einer Tür links von ihm gesprintet und rennt auf ihn zu. Kurz erschrickt er, doch der Schrecken legt sich rasch, da er ja weiß, dass die meisten Hunde nur beschnuppern wollen, wen sie noch nicht kennen. Er kommt zu Müller gepest, schnuppert einmal im rennen und flitzt weiter, dann wieder zu Müller und alles normal. Aus der gleichen Tür kommt ein dicklicher Mann mit Arbeitsklamotten, ´der Hausmeister`, weiß Müller gleich. Sein Hund rast herum, niemand weiß, zu welchem Zweck, wodurch bedingt, was ihn dazu antreibt und warum. Er rennt überall umher und kommt bisweilen wieder auf Müller zu gerannt und schnüffelt wieder im rennen. Der Hausmeister hat einen Besen mit harten, roten Borsten, damit geht er zu einem Garagengebäude und bricht die Eiszapfen ab. "Aha, Eiszapfen!" , denkt man sich. "Vielleicht laufen ja Rohre da oben lang, durch die zuweilen warmes Wasser fließt." Macht ja Hoffnung. Müller geht voran, nur hier und da vom Hund angemacht, bald auf das Gerichtsgebäude zu. Es ist unheimlich groß und Edgar glaubt erkennen zu können, dass es eigentlich weiß sein müsste, doch ist es schmutzig und alt, die Welt darum dunkel. Das Gerichtsgebäude hat zwei Türme. Alle Portale, an die Müller kommt sind verschlossen. Bis er endlich zum größten kommt. Drumherum ist eine aufwändige Metallverzierung. Da sieht man Ketten und Fußfesseln links und rechts, über diesen gramverzerrte Masken. Oben lauter Disteln. Und in der Mitte ein gewaltiges Lictorenbündel. Und da steht: Kriminalgericht. Müller geht rein und steht in der imposanten Eingangshalle. Treppen und Prunk und ganz zentral eine für die Halle zu kleine Uhr. Es sieht aus, als gehe es von hier aus ins Labyrinth; es ist immer noch so kalt, dass man den Atem sieht und es ist auch nicht sehr hell. Müller ist etwas aggressiv gerade, das liegt wohl an der Reizüberflutung. Schließlich hat er jetzt acht Jahre lange jeden Tag das gleiche und immer am gleichen Ort gemacht. Acht Jahre Einsamkeit. Da ist jetzt so was ein richtiges Ereignis und der kleine ist in seiner Übermüdung gerade bockig. Wie ein Rapper mit Hörnern brüllt er laut: "Jaah!", dann rennt er los, irgendwohin ins Gewirr des leeren Hauses. Passenderweise kommen ihm gleich zwei Leute entgegen, wahrscheinlich Wachen, Justizbeamte oder Polizisten. Beide sind größer als er und tragen komische Kopfbedeckungen und glänzende Lederstiefel. Das kommt gut, Müller geht hin und haut dem rechten auf die Fresse. Aber so richtig und immer wieder mit Schmackes. Den rührt das gar nicht, jetzt auch mal ganz physisch gesehen. Er bewegt sich trotz der Wucht der Schläge kein Millimeterchen. Schließlich hört Müller also auf und sie packen ihn an den Armen, jedoch nicht grob, sondern vielmehr sanft, fast zärtlich. Sie geleiten ihn zu seiner Zelle, vollkommen starren, vereisten Gesichts oder sehe ich da die Spur eines liebenden Lächelns? Einen langen dunklen Flur lang, Müller will tanzen. Er lässt sich fallen und jetzt müssen sie doch zupacken damit er nicht fällt. Doch sie tun das ja mit größtmöglicher Liebe. Jetzt halten und tragen sie ihn und Müller bewegt hektisch die baumelnden Beinchen zum Tanz. Dazu singt er, singt er, singt er, singt er, singt er, singt er, singt er, singt er, singt er, singt er, singt er, singt er und er singt. Uh, Yeah! Ich glaube er singt "Der gute Kamerad" doch ganz anders, mit eigener rasanter und mitreißender Melodie. Ja, jetzt brüllt er, hört doch mal! Sie öffnen die grobe Holztür dieses dunklen Ganges im Gerichtsgebäude und schmeißen ihn grob und rüüüüde hinein. Das mit der Zelle ist ne ziemliche Sauerei: Stein drumrum, Stroh auf dem Boden, eine ranzige, graue, raue, dünne Decke, eine kleine Fensterluke eher so oben ohne Glas mit drei starken Metallstäben. Er kann daraus nur wenig sehen. Offensichtlich geht das Fenster zum Innenhof, der ganz klein ist. Er sieht das gegenüberliegende Gebäude und so. Wie es aussieht, ist der ganze Hof oben mit einen Netz überspannt, aber mit ganz dünnen Fäden, keinen Stricken. Das Gebäude ist ganz dunkel, aber der Himmel ist ein bisschen Hell. Da muss also irgendwo einen oder mehrere Lichtquelle(en) sein, das Licht wird vom Schnee reflektiert und auf die immer diesige Wolkendecke geworfen so wie Müller gerade in seine Zelle. Edgar wird langsam ganz kalt und er wickelt sich in die Decke ein und legt sich in das Stroh und versucht zu schlafen. Das geht nicht, weil er ja so friert, doch er ist sehr lange in der Zelle und so schläft er doch bisweilen ein. Dann wacht er manchmal auf und merkt, dass es dafür einen Grund gibt und dass irgendetwas nicht stimmt und ihm unangenehm ist, doch er kommt nicht darauf, dass das die Kälte ist.

Irgendwann erwacht er, weil jemand seine Tür öffnet. Er ist beschissen durchgefroren. Er erwacht im Grunde nicht aufgrund des Öffnens sondern schon aufgrund des Aufschließens. Da steckt ein Mann seinen Kopf schräg rein und sagt bevor er eintritt: "Poch-Poch.". Dabei ist das erste "Poch" höher als das zweite und das zweite länger als das erste. Dann tritt er ein und sagt sehr freundlich: "Haben sie gut geschlafen?" `O ja!`, denkt sich Müller, `die Frage habe ich jetzt gebraucht.` "Nein," sagt er, "Ich habe beschissen geschlafen." "O ja", sagt der Herr mit ehrlichem Mitleid, "es ist hier in den Zellen immer sehr kalt. Da kann man leider nichts machen." Er meint es ja nur gut. Müller hat eine Wut im Bauch, die er sich selbst nicht erklären kann und will sie an allen auslassen, aber ach!, er meint es doch nur gut. Der Herr führt in aus der Zelle. Dort steht ein Rollstuhl und Müller soll sich hineinsetzen. "Nein, da setze ich mich nicht rein. Ich will selber laufen." "Tut mir Leid, sie müssen. Das ist hier Vorschrift. Und die lassen sie besser auch hier." Er zeigt auf die schmutzige, graue Decke, die Müller auf seine klammen Schultern gelegt hat. "Wir haben hier noch eine." Eine weiße, wollige Decke. Müller legt sie sich ganz um. Um die Schultern, vorne zu und über die Bein. Dann rin in´n Wheelchair und ab. Der Schieber-Herr sieht nett aus, aber seine Augen sind unheimlich. Es sieht aus, als gehören Hose und Jacke zusammen, über der Hüfte zusammengebunden; er hat Brusttaschen und feste, hohe Wanderschuhe. Müller schreit kurz und unwillkürlich auf, der Schrei steigert sich zur vollen, kratzenden Lautstärke, die aber auch nicht so hoch ist. Hinter ihm hört es kichern, es ist eine Frauenstimme. Er hat also auch bei anderen Menschen Reaktionen hervorgerufen. Und er ist zu gespannt, er dreht sich um. Denn: Da sind zwei Sekretärinnen oder so, die hat er schon beim Rauskommen ausm Augenwinkel gesehen. Jetzt will er sehen, wer von beiden gekichert hat. Beide lächeln ihn amüsiert an und so kann er nicht sagen, wer es war. Doch er findet es blöde, nachgeschaut zu haben. Er hat dabei seinen Blick drauf: Normalerweise ist seine obere Zahnleiste vor der oberen, wenn er zu beißt. Bei seinem Blick jedoch legt er die Spitzen beider aufeinander und zieht die Mundwinkel herauf als grinse er ohne jedoch wirklich zu grinsen. Sieht ganz kaputt aus. Dabei ist die eine sehr hübsch und die andere ist gar nicht sein Fall, doch sieht sehr nett aus. Er wäre ihnen lieber charmant gegenübergetreten. Stattdessen hat er auch noch die Wirkung seines Schreis gemindert, indem er sich nach den Reaktionen erkundigt hat. In dem Gebäude ist es unablässig dunkel. Lange wird Müller geschoben, dieses Gebäude ist das reinste Labyrinth. Er nickt sogar kurz ein. Er ist ja so müde, weil er so schlecht geschlafen hat. Bald kommen sie an. "Saal 237" steht an der Pforte. Zwei Meter davor hält der Herr und macht Müller aussteigen. Müller steht kurz da und meint festzustellen, dass er sich gerade seiner Erbärmlichkeit bewusst wird. Doch dann nimmt er den Gedanken zurück, denn er denkt danach: "Ich sehe ja nur erbärmlich aus und bin todmüde und durchgefroren. Und ich wäre ja durchaus auch gelaufen, aber er musste mich ja schieben." Er beugt sich dann noch mal zum Rollstuhl, um die Decke abzulegen. Dann steht er wieder zwei Meter vor der Pforte und wartet, dass der Herr ihm öffnet, dass er eintrete, doch dies geschieht nicht. Er dreht sich um und der Herr ist weg. Jetzt macht er sich selber zur Tür und versucht, die Klinke herunterzudrücken, doch das geht sehr schwer. Auch fällt es ihm schwer, die Tür zu öffnen, sie schleift unten auf den Fliesenboden, da sind auch schon Schleifspuren. Ein paar Zentimeter gehen gut, dann bleibt die Tür stecken und Müller muss sie mit Kraft aufstemmen. Als er einen Spalt geschaffen hat, schaut er erst einmal hinein, ob er auch richtig ist. Der Gerichtssaal ist voll und alle schauen auf ihn. Er zieht seinen Kopf wieder zurück und versucht die Tür nun lässiger zu stemmen, doch es wird immer schwerer und er muss sich schließlich mit dem ganzen Körper dagegen stemmen. Dazu macht das auch noch so ein lautes, quietschendes Geräusch, wo es doch so ruhig im Gerichtsaal ist. Müller nimmt sich vor, die Tür ganz aufzustemmen, damit er aufrecht eintreten kann, doch dann huscht er doch durch den Spalt, sobald er kann. Er erwartet ernsthaft, dass wenigstens jetzt ein Gerichtsdiener kommen und die Türe schließen wird. So steht er dann da und wartet, dabei versucht er es zu vermeiden, die Anwesenden zu mustern, das will er erst tun, wenn die Tür geschlossen ist. Doch wieder geschieht nichts und er macht sich selber zur Tür zurück, um sie zu schließen. Hat er das endlich geschafft, schaut er im Saal umher. Er ist nicht besonders groß und drumherum bis auf Scheitelhöhe holzgetäfelt. Nur hinter den Richtersitzen geht die Vertäfelung fast doppelt so hoch und ist mit filigranen Schnitzereien verziert und sauber gebeizt. Er hat den Raum von rechts betreten. Der kleine, durch festes Holz in Hüfthöhe abgegrenzte Zuschauerbereich ist leer. Ihm gegenüber, ihn direkt anschauend sitzen drei alte Herren. Das lustige dabei ist: Der linke hat eine Glatze und ist kahlrasiert, der mittlere hat eine Halbglatze und ansonsten grauer Haare und einen grauen Drei-Tage-Bart, der rechte wiederum hat einen richtigen, grauen Seitenscheitel und einen Vollbart. Es sieht aus, als haben sie sich abgesprochen. Bei ihnen in der Nähe sitzt ein gutgekleideter, junger Mann. Er hat schwarze, wellige Haare, die ihm bis zu den Schultern reichen und einen schmalen Oberlippenbart. Er lächelt stets ein wenig, doch er sieht niemanden explizit an. Es sitzen auch sonst noch allerlei Männer in dem Raum und oben scheint ein elektrischer Kronleuchter auf sie. Rechts (das heißt eigentlich vorne) die Richterbank ist noch leer und ihr ausgesetzt, zwischen allen Parteien, steht ein Stuhl, der wohl für den Angeklagten ist. Es ist ein vierbeiniger Klappstuhl aus Holz. Doch Müller denkt vorerst nicht daran, sich dahin zu setzen, er steht weiter an der Tür, doch das ist vielleicht gar nicht so schlimm, es sieht ihn niemand an. Auf Höhe der Richterbank öffnet sich ebenfalls an der rechten Seite eine Tür und es treten in dieser Reihenfolge ein: Ein Gerichtsdiener mit sehr vielen, sehr dicken Aktenmappen, ein Nebenrichter in langer, schwarzer Robe, der Hauptrichter in einem braunen Anzug, ein weiterer Nebenrichter in langer, schwarzer Robe, eine Protokollant. In dieser Reihenfolge stellen sie sich vor ihre Stühle, der Hauptrichter in der Mitte. Es erhebt sich der ganze Saal und der Hauptrichter in dem braunen Anzug spricht: "Ich eröffne hiermit den Process des hohen Gerichts gegen den Angeklagten Edgar Müller. Bitte sich zu setzen.", worauf sich alle raschelnd setzen. Der Leser mag derartiges bereits geahnt haben, Müller haut es schier um: Der oberste Richter ist Doktor Kaltenbrunner. Dieser lässt sich von dem zuerst eingetretenen einen ganzen Stapel Akten reichen, verteilte diese vor sich und studiert einige. Nachdem er das ein Weilchen gemacht hat, fragt er laut und wie als sachliche Feststellung in den Raum: "Will sich der Angeklagte nicht setzen?" Müller ist gefügig, Müller ist erstaunt, Müller ist Edgar und Doktor Kaltenbrunner ist sein Freund. "Ernst.", spricht er ihn an. Er denkt nicht, er nimmt das Verfahren für ein paar Sekunden nicht mehr ernst. "Ernst?" "Ja, Ernst, ich..." "Ernst!?" Müller begreift. Er stammelt kurz und sagt: "Obergruppenführer Doktor Kaltenbrunner." "Ach," sagt Doktor Kaltenbrunner halb genervt, halb stolz und macht eine Handbewegung halb wegwerfend, halb geschmeichelt und sagt dann dazu nur noch: "Die Zeiten sind vorbei." "Doktor Kaltenbrunner." "Oberster Vorsitzender Doktor Kaltenbrunner." "Oberster Vorsitzender Doktor Kaltenbrunner." "Also: Was wollen sie?" "Nichts." "Wie: Nichts?" "Ich will gerade nichts." Von nun an entwickelt sich der Prozess. Die ersten Sitzungen über lässt Doktor Kaltenbrunner die Anklage verlesen. Müller ist ja nicht so ein Verbrecher wie Charles Manson, die Neutronenbombe oder eben Doktor Kaltenbrunner, nein Müller ist ganz schäbig, aber ganz normal. Er hat einfach so sein Leben gelebt und deswegen fast zwangsläufig manche Vergehen auf dem Konto. Kleinere Sachen, viele davon aus der Kindheit. Wenn er als Kind Süßigkeiten geklaut und mit zwei Freunden einen Klassenkameraden geärgert und teilweise sogar geschlagen hat. Aus der Pubertät der immer schwieriger werdende Umgang mit seinen Mitmenschen, insbesondere den weiblichen. Was hat er in seinen flachen Beziehungen in dieser Zeit so alles falsch gemacht! Und der Neid, der ihn bisweilen zerfraß! Viele Erinnerungen auch, wo er seine Schuld nur in ihrer Existenz, nicht jedoch in ihrem Wesen begriffen hat. Menschen, die böse auf ihn waren. `Zurecht!`, fühlte er. `Warum?`, dachte er. Vor allem aber seine kleine Familie. Er hatte dort viel falsch gemacht. Dort war seine Schuld am größten, denn dies war nicht so kompliziert und filigran wie seine Pubertätsbeziehungen und er hat es trotzdem versemmelt. Seinen Sohn wollte er nur hart machen und er hat einen Schläger aus ihm gemacht. Mit diesem Schläger ist er nicht mehr klargekommen und war so unheimlich eifersüchtig auf seine Frau, dass sie es schaffte. Das ließ er sie spüren und sie sich von ihm scheiden. All sowas. Die Verfehlungen eines Lebens. Müller macht nur in einem den Unterschied: Er hat sich jeder Verantwortung und jedem Urteil bisher feige und dumm entzogen. Und so ist er nach den ersten Sitzungen recht hoffnungsvoll: Die Anklage entspricht ungefähr der, die er selbst im Geiste angefertigt hat, als er er noch Leichen verscharrte. Nur hier und da überkommt ihn der Zweifel. Denn in einigen Anklagepunkten stutzt er: So vieles, was er aus Unwissenheit oder ganz aus dem Affekt heraus getan hat, wird ihm als Absicht und kalte Berechnung angelastet. Doch er hofft, diese Irrtümer in den zukünftigen Sitzungen zu beseitigen. Denn: Bei diesen Richtern und bei dem ganzen Verfahren kann es sich ja kaum um von Menschen geschaffenes handeln. Es sind ja alle tot. Das alles spielt wahrscheinlich nur in seinem Kopf oder Gott oder wer oder was auch immer oder so hat all sein Inneres als Materie manifestieren lassen. Die Macht, die die Apokalypse hat kommen lassen. Denn Müller glaubte an die Apokalypse. Er hielt nicht viel von der Menschheit, doch er war in dem festen Glauben, dass sich die Vernünftigen trotz aller Rückschläge immer durchsetzen würden. So, glaubte er, kann es gar nicht passieren, dass die Menschheit sich selbst vernichtet. Und solange etwas übergeordnetes die Menschheit vernichtet hat wird eben jenes Übergeordnete ihm auch den Prozess machen. Dies räumte seinen anfänglichen Zweifel aus, denn er hatte vertrauen. Wäre es nicht so, wie er es denkt, dann, so meint er, wäre es gar nicht. Das war natürlich hieb- und stichfest. Ja, er ist sehr gläubig geworden über die letzten acht Jahre. Dass man ihm alles als Absicht anlastet, muss eine Probe sein und er wird sie in der nächsten Sitzung ausräumen oder wann immer man ihn endlich befragen, ja beachten würde. Es ist die vierte Sitzung beendet und ein Gerichtsdiener hat eben die Zusammenfassung seiner nicht allzu zahlreichen Verfehlungen während seiner Totengräberzeit vorgelesen. In der nächsten Sitzung muss es also richtig losgehen.

Nacht für Nacht liegt Müller in seiner Zelle mit seinem zerschlissenen, schmutzigen, grünen Schneeanzug. Der Stoff ist an vielen Stellen schon aufgerissen und die Watte quillt heraus. Das Stroh, auf dem Müller liegt spickt seine Kleidung wie ein Nadeln ein Nadelkissen. Für den Rollstuhl hat er eine eigene Decke, doch die darf er nur auf dem Rolli und im Gerichtssaal tragen. Bevor er seine Zelle betritt, muss er sie abgeben. Inzwischen hat er einige Nächte lang gar nicht geschlafen und dadurch eine so vollständige Grunderschöpfung erreicht, dass er jede Nacht tief schläft. Nur bisweilen muss er erwachen und sich die gefrorenen Tränen vom Gesicht zu klopfen, wofür er meist einen Ziegelstein verwendet. Jeden zweiten Tag bekommt er einen Liter Kohlsuppe und ein Stück Brot. Der Krug Wasser wird dann auch gleich immer aufgefüllt. Müller denkt deshalb sehr viel an Essen in letzter Zeit, wenn er denkt. Im Gericht muss er sich zwingen, auf die Fragen zu antworten; er sitzt da und genießt die Wärme. Er merkt kaum, wie sein Prozess aus dem Ruder läuft. Der allgemeine Ton der Anklageschrift hat sich nicht gebessert sondern vielmehr verschlechtert. Man wirft ihm vor, all seine aus Dummheit begangenen Vergehen einen bestimmten Plan folgend begangen zu haben. Doktor Kaltenbrunner sagt manchmal, Müller habe ein Ziel gehabt und sein Leben danach gelebt und er sagt, dass dieses Ziel verbrecherisch ist. Es fällt Müller schwer, zu realisieren, dass sie alle, er eingeschlossen, über ihn sprechen. Alles ist ihm fern außer Essen. Er geht in den Gerichtssaal und badet in der Wärme. Meistens schaut er stumpf ins nichts, doch manchmal sieht man auch, wie er die Decke enger zieht,sich wohlig räkelt und dann selig lächelt. "Warm.", denkt er dann. Das ist dann meistens zu Beginn der Sitzung, danach wird er erst etwas stumpf, dann versucht er sich auf die Verhandlung zu konzentrieren und bekommt dadurch wieder Hunger und versucht wach zu bleiben bis er wieder in seiner Zelle friert. Eines morgens öffnet sich die Zelle und der Herr, der immer seinen Rollstuhl schiebt fragt ihn wie jeden Morgen, wie er geschlafen hat und wie es ihm geht, was Müller jetzt schon recht lange ignoriert ohne dabei unhöflich wirken zu wollen oder rüberzukommen. Heute jedoch erinnert er sich kurz an die Zeit, als noch alle lebten und wie seine Frau ihn bisweilen morgen fragte, was er denn so geträumt habe. Meist musste er dann erstaunlich plumpe Antworten geben, heute jedoch stellte er fest, dass er seit jetzt mindestens einem Monat nichts mehr geträumt hat. Und einem kaum geleiteten Gedankengang folgend stellt er fest, dass er Doktor Kaltenbrunner sagen muss, dass er dass alles nicht mit Absicht getan hat. Herr, vergib ihnen, denn sie wussten nicht, was sie taten. Müller war sich ganz sicher, dass ihm das sehr helfen würde. Er meinte sehr wohl auch zu wissen, dass er nicht hier war, um sich zu rechtfertigen, sondern vielmehr um abgeurteilt zu werden, so dass ihm und der wartenden Menschheit das warten beendet sei. Doch vielleicht würde man ihm eine andere Zelle geben. In der folgenden Sitzung spricht Doktor Kaltenbrunner irgendeinen betrunken Unsinn an, der Müller lange verfolgt hat, der zwar kaum in der Wirkung, jedoch was die Schuld betrifft mehr als irrelevant ist. Nun, als Doktor Kaltenbrunner dies so wie alles mit Müllers angeblichen verbrecherischen Ziel in Verbindung stellt und und ihm vorwirft die Folgen genau gekannt und abgeschätzt zu haben, wagt Müller voll Vertrauen auf die Vernunft dieses überirdischen Tribunals einzuwenden: "Nein, Oberster Vorsitzender Doktor Kaltenbrunner, ich glaube, sie haben da was falsch verstanden, ich..." "Falsch verstanden?" "Ja, ich wollte ..." "Falsch verstanden? Habe ich das jetzt gerade richtig verstanden, dass ich das gerade falsch verstanden habe?" Er blickt in die Runde, die sich genötigt sieht, ihm ein schlappes Lachen vorzuheucheln. "Nun, Doktor..." "Oberster Vorsitzender Doktor Kaltenbrunner." "Nun, Oberster Vorsitzender Doktor Kaltenbrunner, ich wollte ..." "Ja, nun, was wollten sie denn?" Diesmal ist die Runde trotz seines Blickes zu schlapp zum Lachen. Herr Müller kann auch kaum noch stehen (denn er hat ja zu stehen, wenn er den Obersten Vorsitzenden anspricht). Der Oberste Vorsitzende ist jetzt etwas angekackt und spricht etwas lauter zu Müller: "Und werden sie hier nicht unverschämt! Mit ihnen werden wir fertig. Wir haben nämlich einen Zeugen." Er hat genug Gerichtsverhandlungen erlebt und weiß, wie man so was macht. Nun schaut er triumphal. Er macht eine schmale Geste und ein Justizbeamter erhebt sich und öffnet die Tür, sonderbarer weise vollkommen still und mühelos. Zwei weitere schieben etwas herein, was eine Mischung zwischen Rollstuhl und Bett darstellen soll. Darauf befindet sich, waagerecht liegend, ein sehr alter Mann. Er trägt eine glänzende Lederjacke und hat kaum noch Haare und die übrig gebliebenen sind weiß und dünn. Er ist recht dick und in seinem Gesicht strebt alles, obgleich grundsätzlich aufgequollen, nach unten. Sein Mund ist offen, seine Augen geschlossen und Müller kann auch nicht feststellen, wie er atmet und wäre dies nicht der Zeuge, wüsste er nicht mit Bestimmtheit festzustellen, ob diese Gestalt am Leben ist oder nicht. Noch einmal schaut Doktor Kaltenbrunner triumphal drein, dann guckt er wieder wie immer. Er schaut so, als führe er gerade mit seinem Fahrrad durch nur mäßig festgefahrenen und leicht angetauten Schnee, wo man ständig unkontrolliert umherschlingert, sich einerseits ständig vor dem Hinfallen fürchtend und andererseits unablässig bedenkend, wie sehr man gerade sein gutes Fahrrad fickt. Eben so, als wolle er sagen: "Hmpf, na dis is ja jetz n bisschen blöde.". Oder: "Mist.". Und er führt die Verhandlung weiter wie bisher; Müller erhebt heute keinen ernsthaften Einspruch mehr.

Die Zellentür wird wieder verriegelt und Müller ist alleine und friert. Man ist sein Leben, seine Vergehen nicht chronologisch nachgegangen und Müller wird gerade bewusst, dass bis zum Urteil nicht mehr lange ist. Und ihm wurde auch bewusst, dass es schlecht läuft. Ganz sicher, viele Dinge nur aus Ungeschick getan zu haben hat er ganz vergessen, wie unheimlich viel Missratenes er verursacht hat. Und all dies wird ihm in vollem Bewusstsein der Folgen und mit bösartigem Motiv begangen angerechnet. Und ihm kommen zum allerersten mal Zweifel an dem Gericht. Er ist sich so sicher gewesen, dass dieses Gericht entweder nur in seinem Kopf existiert oder von irgendeiner übernatürlichen Macht kreiert und geführt wird. Zum ersten Mal kommt ihm der Gedanke, dass er gerade im Begriff ist, von Menschen gerichtet zu werden. Doch dann wieder verwirft er diese Idee, denn das funktioniert nicht. Menschen sind das nicht und können das gar nicht sein, zumindest keine normalen. Von Doktor Kaltenbrunner weiß er genau, dass er tot ist. Doch der Zweifel bleibt. Lange schon hat Müller in seiner Zelle nicht mehr richtig gedacht und wo er ja gerade dabei ist, kommt ihn ein weiterer Gedanke oder vielmehr: Ein Gefühl. Er hat Angst. Es läuft nicht gut, schon jetzt wird er unheimlich schlecht behandelt. Er hat mit einem Mal große Angst vor dem Urteil. Daran hat er zuvor nie gedacht; er hat immer nur daran gedacht, dass beim Gericht endlich alles abgearbeitet wird und das damit alles vorbei ist. Doch jetzt hat er Angst vor einem Urteil. Ein angemessenes wäre schon schlimm; eines, das die Interpretation seiner Taten vor dem Gericht widerspiegelt unerträglich. Normalerweise würde Müller seine Gedanken nun mit irgendwelchen hanebüchenen Argumenten zu beruhigen versuchen um die Angst zu verscheuchen, doch diesmal nicht. Denn er weiß: Jetzt dreht sich alles nur noch um mich. Die ganze Welt; um niemand anderen. Er muss keinem was beweisen und niemanden beachten, jetzt geht es nur noch um ihn. Und er hat Angst. Oft schon hat er in dieser Zelle vor Kälte geschlottert, jetzt schlottert er vor Angst. Er kann es nicht kontrollieren und er will es auch gar nicht; Wen kümmert´s? Es gibt ja nur noch ihn.

Heute wird Müller geweckt, wie jeden Morgen. Die Tür klickt again laut und aggressiv und er schreckt auf. "Na, wie ham wir denn geschlafen?" " - -" "Angeklagter Müller, heute ist ihr großer Tag." " - -" "Super, ne? Kommse her, setzen sie sich ma; hier is ihre Decke." Still setzt sich Müller und wickelt sich wie jeden Morgen die Decke um den Leib. Dann schiebt der Herr ihn los. "Heute geht´s aber woanders hin, Angeklagter Müller. Heute ist ja die Endverhandlung. Heut gibt´s das Urteil. . . Und? Aufgeregt." Es geht über ungewohnte Wege und Müller erwacht langsam. Er hat heute Nacht ganz gut geschlafen, bis es dann sehr klamm wurde. Er streicht sich die nassen Haare aus dem Gesicht. Es geht an einem Fenster vorbei, das nicht in den Innenhof blickt, sondern nach draußen. Müller ist sehr aufgeregt und verbiegt sich um gierig herauszuschauen. Draußen ist ein kleiner Bagger und viele Männer mit Schneeschaufeln. Sie räumen den Schnee weg und haben große Haufen gebildet. Der Herr hält neben der Tür einer Toilette und sagt: "Warten sie doch bitte kurz." Er schenkt Müller noch ein Lächeln, dann geht er kacken. Müller hockt in diesem unbeleuchteten Gang und wartet ohne sich zu regen. Seit er das erste mal aus der Zelle kam ist er durch diese Gänge nur geschoben worden und auch sonst nie viel gegangen und er überlegt sich zu erheben, hat dann aber doch keine Lust. Hinter ihm ist ein Fenster, dass jedoch trüb verklebt ist; man kann nicht herausschauen. Müller hört die Arbeiter draußen, denn das Fenster ist nur angelehnt. Irgendwann verstummt der Lärm der Arbeiter und man hört es vor dem Fenster nur noch tropfen. Dieses Geräusch hat Müller sehr, sehr lange nicht mehr gehört, doch das ist ihm im Moment nicht bewusst. Oh Mann, er hat Angst und streicht sich die nassen Strähnen aus der Stirn. Er ist so müde, dass er seine Angst kaum bemerkt, doch deshalb ist sie kaum weniger dringlich. Irgendwann kommt auch der Herr vom Klo und schiebt Müller weiter. Er fährt Müller letztlich einen Gang entlang, der links lauter große Fenster hat, doch auch hier ist das Glas undurchsichtig. Rechts ist die Wand kahl bis auf zwei Türen am Ende des Ganges. Vor der hintersten hält der Herr und heißt Müller auszusteigen. "Dort drin müssen sie warten. Tschüssi" Er winkt noch mit der Hand und rollt dann erstaunlich fix davon. Die Tür ist weiß, klein und normal, nicht zu vergleichen mit der Tür zum normalen Saal. Müller öffnet und geht hinein. In dem kleinen, dahinterliegenden Zimmer steht eine Liege an der rechten Seite und ein Stuhl und ein Tischchen auf der linken; der Boden ist mit blassem Laminat belegt. Auf dem Tischchen stehen einige kleine Behältnisse und Flaschen, aus der größten Flasche ragt eine Spritze heraus. Die rechte Wand reicht nicht bis zur Wand hinauf, so dass da ein Spalt ist. Müller tappt zur Pritsche, setzt sich und wartet; äußerlich ruhig doch voller Angst. Bald stellt er fest, dass aus dem Zimmer neben ihm Geräusche dringen. Er hat zunächst das Gefühl, dass dort nur jemand atmet, dann hört er auch hier und da eine flüsternde Stimme zu der sich später auch eine zweite, scheinbar weibliche gesellt. Er hört auch immer wieder, wie die männliche Person bisweilen ausatme, als habe sie gerade Schmerzen gehabt oder sich angestrengt. Man merkt, dass sie sich bemüht, leise zu sein. Dazu gibt es noch ein Geräusch, dass Müller nicht zuordnen kann. So sitzt er und lauscht; es dauert so um die 15 Minuten, dann tritt der Herr wieder ein. Man sieht, dass er Müller heraus holen soll, doch dann entscheidet er sich anders, tritt ein, setzt sich zu Müller und lächelt ihn an. Müller fragt: "Was geht da nebenan vor?" "Das ist eine Hinrichtung. Der Angeklagte hat ein schweres Leiden in den Gedärmen. Einmal hat er nach einer Verhandlung eine Rippe aus sich mit seinem Stuhl ausgeschieden und dabei auch ein wenig Blut verloren, weil die Rippe eine Wunde in seinen Anus gerissen hat. Der Mann ist ein Verbrecher, doch das Gericht hat aufgrund dieses Leidens Milde walten lassen und ihm zu einem Tode verurteilt. Er soll nur noch einmal richtig Stuhlgang machen, dass wird tödlich sein, dachte das Gericht sich. Eine Gerichtsbeamtin ist seine Cousine, sie hilft ihm. Haben sie bemerkt, wie leise die beiden sind? Das hat man angeordnet, um sie nicht zu belästigen." Er lächelt noch ein wenig, dann erhebt er sich und nimmt Müller mit raus. Dort ist kein Rollstuhl. Der Herr fasst ihn an den Arm und führt ihn behutsam um die Ecke, wo sich eine große hölzerne Pforte befindet. Der Herr dreht sich noch einmal zu Müller, streicht ihm lächelnd mit dem Zeigefinger der rechten Hand über die Wange, öffnet dann die Pforte und schickt ihn hinein. Der Saal ist etwas eindrucksvoller als der alte, denn er ist viel größer und zentraler gestaltet. Obgleich sonst recht spartanisch eingerichtet, hängt von der Decke ein riesenhafter, prunkvoller Kronleuchter. Bis auf die Richterbank sind alle Plätze wie immer gefüllt, auch der Zeuge liegt wieder da und hält den Mund offen und die Augen geschlossen. Müller tappt zu seinem Angeklagtenstuhl in der Mitte, doch er darf sich noch nicht setzen, denn die Richter sind noch nicht da. Sie kommen jedoch bald, würdevoll wie beim ersten Mal und somit würdevoll wie immer. Alle setzen sich, nur Doktor Kaltenbrunner bleibt stehen und betrachtet Müller noch kurz; wie immer mit seinen zusammen gekniffenen Lippen. Dann setzt auch er sich und wühlt, wie jedes mal, zunächst etwas in seinen Akten herum. Nun will Müller intervenieren. Er ist entschlossen, um sein Leben zu kämpfen. Er erhebt sich um zu sprechen. "Hohes Gericht, sehr verehrter Oberster Vorsitzender Doktor Kaltenbrunner. Ich weiß warum ich hier stehe und ich stehe hier völlig zurecht. Was ich getan habe ist nicht wenig und auch nicht wenig abscheulich. Mir ist bewusst, was ich tat, wie viel es ist und welche Konsequenzen das hatte und hat. Ich bin ein Krimineller. Ich bin ein Krimineller und ich sitze in ihrer Zelle." Er hat sich einige Sätze vorher überlegt und weiß, was er sagen will, doch er hat das Plädoyer nie wirklich ausgearbeitet. "Mich zu verurteilen ist nicht falsch sondern vielmehr Notwendig, ein Zwang gar und eine Pflicht, die ich mich schäme ihnen aufgehalst zu haben. Da ich jedoch weiß, dass sie im Dienste von etwas Höherem und der ganzen Menschheit stehen und möchte mich daher in ihrem Namen bei ihnen bedanken." Er weiß genau: Für Argumente und Sympathien ist es jetzt zu spät. Das einzige, worauf er noch hoffen kann, ist Erbarmen und er möchte daher so Erbarmungswürdig wie möglich erscheinen. Dies entspricht an sich nicht seinem Selbst, doch es geht jetzt nur noch um ihn; alle Menschen sind tot und er muss niemandem mehr etwas beweisen und so hat er kaum Scheu zu tun, was er für das einzig richtige und mögliche hält. Das ist Strategie, er weiß, dass sie so was wollen und Moral und Ansehen bedeuten für ihn ja nun nichts mehr. "Sie müssen mich verurteilen, dies ist unumgänglich und richtig, denn ich bin ein Krimineller und ich muss bestraft werden. Daran würde ich nie etwas ändern wollen wünschen, ich bitte das Gericht jedoch zu bedenken: Ich bin ein armer, alter Mann, ich friere und habe Hunger. Es würde der Menschheit und allem, wofür sie einstehen, weder Schaden noch Nutzen bringen, wenn ich nun leide. Ich muss verurteilt werden, doch die Strafe ist nicht von solch signifikanter Bedeutung wie das Urteil, sie ist bei weitem nicht so relevant. Sie nützt kaum, obgleich sie notwendig und zwingend ist. Wenn ich in meinem Wirken Irrtümer aus Dummheit begangen habe, so liegen diese in einem mich mitreißenden, mächtigeren Schicksal beschlossen." Diese Formulierung hat keine Bedeutung, Müller möchte Doktor Kaltenbrunner nur an ihn selbst erinnern um Empathie zu erhalten. "Ich bitte das Hohe Gericht daher, mein Leben und meine körperliche Unversehrtheit zu verschonen." Er setzt sich und wartet. Er hofft jetzt nur noch auf Gnade, auf Erbarmen, denn nur dies kann ihn jetzt noch Retten. "Erbarmen! Gnade!" Fast hätte er es geschrieen. Und wie er so also da steht kommt ihm kurz, obgleich dies gerade überhaupt nicht in seinen stream of consciesness passt, der Gedanke oder vielmehr die Vorstellung, wie er theatralisch auf die Knie sinken, die gefalteten Hände zitternd emporstrecken und dabei, in der Art übertriebensten Schauspiels noch zehnfach potenziert und halb singend, halb schmetternd überzogen, laut krächzen würde "Erbarmen! Gnade!", nur um sie alle in die Pfanne zu hauen. Farce zu seinem Spaß. Und so muss er, nur ganz kurz und von allen unbemerkt, indem er den Bereich um den rechten Mundwinkel lustig-spöttisch heraufzieht, dann doch ganz kurz lächeln, bevor er ganz fix beginnt, sich für das Schweigen zu verwenden, wie es jetzt ja auch richtiger ist. Vorsitzender Kaltenbrunner erhebt sich zum Urteil. "Angeklagter Müller. Das Hohe Gericht befindet sie in allen Anklagepunkten für schuldig. Abschließend ist jedoch festzustellen, dass die Folgen ihrer Vergehen weit weniger abscheulich wahren als die Intentionen. Das Urteil lautet: 8 Jahre Zwangsarbeit in Sibirien."

Manch Leserin und manch Leser wird sich nun sicherlich fragen, warum es denn überhaupt nötig war, Müller nach Sibirien zu verbannen. Ihnen sei noch gesagt, dass es ein paar Tage nach dem Urteil langsam zu Regnen begann und auch lange nicht aufhörte. Die Temperaturen befanden sich nun konstant über Null, wenn auch nicht sehr weit, höchsten vier Grad. Erst schmolz der Grabschmuck, dann sanken auch alle Hügel ein. Denn alle Leichen wesen nun. Das ist echt eklig, glaubt mir.